Paech II – Hat sich die Wachstumsfrage erledigt?

Hat sich die Wachstumsfrage erledigt?

Wie im ersten Teil bereits angedeutet wenden wir uns in diesem Beitrag der Kritik zu, welche Paech an die Vertreter eines nachhaltigen Wachstums richtet. Anschließend werden Paechs Lösungsvorschläge vorgestellt. 

Ökologische Konsistenz – Abfall als Nahrung

Das Konzept der ökologischen Konsistenz strebt vollkommen geschlossene Stoffkreisläufe an. Dabei sollen weder Abfälle noch Emissionen abfallen.

Bei der Umsetzung kann zwischen zwei möglichen Ansätzen unterschieden werden. Eine Möglichkeit der ökologischen Konsistenz besteht in der Verwendung von Inputs, welche innerhalb von überschaubaren Zeiträumen abgebaut werden können. Als weitere Möglichkeit können nicht schnell abbaubare Stoffe innerhalb eines technischen Kreislaufs gehalten werden.

Die Zero-Emission-Vision reicht nicht für eine nachhaltige Entwicklung

Konsistenz alleine ist jedoch zu kurz gegriffen, denn: Neben der nachhaltigen Herstellung von Produkten existieren noch weitere Probleme. Bei aktiven Produkten entstehen Energie- und Ressourcenverbräuche während der Nutzung. Folgt man Paech, so ist der aktuelle und zukünftig steigende Durchsatz an Energie kaum durch erneuerbare Energiequellen zu decken.

Neben der Endlichkeit der irdischen Ressourcen und der drohenden Überlastung der ökologischen Systeme besteht in der materiellen Überfüllung des Planeten ein weiteres durch nachhaltige Produktion nicht zu lösendes Problem. Menschen nehmen zu viel Platz im Ökosystem der Erde ein.

Dematerialsierung stellt eine mögliche Lösung dieser Überfüllung dar. Der Konsistenzansatz jedoch möchte nur andere, nicht weniger Mengen. Weiterhin kann der Großteil der verursachten Ströme an Material nicht im Kreislauf geführt werden wie beispielsweise Bodenaushub und Abraum.

Die Zero-Emission-Vision verspricht die Verantwortung vom Konsumenten zu nehmen. Dabei wird Nachhaltigkeit als rein technisches Problem betrachtet und nicht als individuelles, das eine Veränderung des Alltags zur Folge hat.

Optimierung der Inputseite: Dematerialisierung durch Ökoeffizienz

Ökoeffizienz folgt den Anspruch den Input pro Outputeinheit zu reduzieren. Jedoch kann diese Einsparung auch dazu genutzt werden den Output zu erhöhen, bei gleichbleibendem Input. Somit ist die Entlastung durch diesen Ansatz fraglich.

Paech unterscheidet zwischen zwei Effizienzbegriffen. Der Nutzeneffizienz und der technischen Effizienz. Nutzeneffizienz besteht beispielsweise beim teilen einer Zeitung, technische Effizienz dagegen bei der Optimierung eines Produktdesigns. Somit verfolgen beide Ansätze die reine Optimierung der bestehenden Bedürfnisbefriedigung.

Erneut wird die Frage nach dem Warum vermieden.

Technische Effizienzlösungen und Rebound-Effekte

Rebound-Effekte treten dann auf, wenn ein positiver Nachhaltigkeitsbeitrag  in einem anderen Teilbereich einen negativen verursacht. Dabei müssen drei Arten von Rebound-Effekten unterschieden werden: Der Technische Rebound-Effekt, Wachstumseffekte und psychologische Rebound-Effekte.

Bei technischer Innovation resultieren aus Vorteilen, wie beispielsweise der Einführung einer Leichtbauweise die zu weniger Verbrauch führt, negative Folgen wie ein Entsorgungsproblem des neuen Materials.

Durch Effizienzsteigerung  kann es aufgrund der draus resultierenden geringeren Kosten zu erhöhtem additivem Konsum kommen. Wenn dies der Fall ist spricht man von Wachstumseffekten.

Falls eine Innovation dazu führt, dass eine Gewissensberuhigung eintritt, dann kann dies ebenfalls zu erhöhtem Konsum führen. Ein Beispiel dafür ist die Einführung des  3-wege-Kats. Dieser macht Autofahren zwar ökologischer, aber ebenso attraktiver für jene, die zuvor abgeneigt waren.

Als alternative Einteilung ist es möglich primärere, sekundärere und tertiärere Rebound-Effekte zu unterscheiden. Erstere sind Effekte, welche Material-, Energie- und sonstige Umweltverbräuche neu erzeugen, zuzüglich der neu generierten Infrastruktur. Sekundäre sind Umweltauswirkungen durch veränderte Marktaustauschbeziehungen oder Produktionsprozesse. Und als dritter Punkt bleiben Umweltwirkungen aufgrund sozialer Veränderungen.

Rebound-Effekte sind jedoch schwer zu quantifizieren. So ist die Messbarkeit durch Verzögerungen und Probleme in der Zurechenbarkeit stark eingeschränkt.

Festgehalten werden jedoch kann, dass Effizienz- und Produktivitätssteigerungen zu einem massiven Anstieg von Konsum führen könnten, was ebenso den Ressourcenverbrauch erhöhen könnte.

Entscheidungsdimensionen für eine nachhaltige Entwicklung

Zwischen Bedürfnissen an sich und der Nachfrage an Gütern lässt sich kein eindeutiger Zusammenhang feststellen. Dies erklärt Paech damit, dass für manche Bedürfnisse – wie beispielsweise Muße – keine Güter nötig sind. Es können ebenso vorhandene Güter verwendet werden um diese zu Decken.

Folglich sind Bedürfnisse zwar stets vorhanden, wie sich diese jedoch über Bedarfe ausdrücken ist gestaltbar. Bedarfe können durch Werbung oder soziale Mechanismen geweckt und geformt, also beeinflusst werden.

Dematerialisierung durch neue Nutzungssysteme und Dienstleistungen

Folglich ist Besitz nicht zwangsläufig notwendig für die Befriedigung eines Bedarfs, wie es auch aus den Ausführungen zu Rifikin hervorgeht. So können Service-Lösungen durch Dienstleister angeboten werden oder Access-Lösungen durch den Zugang zu einer Infrastrutkur bereitgestellt werden. Dies würde den Bedarf nicht verändert, sondern nur auf andere Art und Weise befriedigen.

Die Folge wäre also keine echte Dematerialisierung, sondern ein Verschieben von Verfügungsrechten physischer Objekte.

Eigentumsersetztende Dienstleistungen und Rebound-Effekte

Durch den günstigen Zugang kann es jedoch dazu kommen, dass zum einen noch funktionsfähige Güter schneller ausrangiert werden und zum anderen Personen Güter nutzen, auf die sie zuvor verzichtet haben.

Weiterhin ist Besitz kulturell und sozialpsychologisch aufgeladen und kann nicht zwangsweise durch Service- und Acces-Lösungen ersetzt werden. Diese Ansätze führen zu Abhängigkeit, Beschränkung der autonomen Entscheidungsfindung und Verlust von Zeitsouveränität und Handlungsflexibilität.

Innovationen als Hoffnungsträger

Der bisher verfolgte Nachhaltigkeitsansatz der „Tripple-Botton-Line“, welcher beständige Expansionschancen, einen hohen Konsumnutzen und das entlasten der Umwelt umfasst, gehört Paech folgend der Vergangenheit an.

Innovationen sollten das Problem der begrenzten Ressourcen lösen,  jedoch ist darin nur ein Alibi zum umgehen von Suffizienzlösungen zu sehen. So bleibt die Ursache unangetastet und die Spirale von Lösungen, die das Problem nicht beheben, sondern nur versucht die Auswirkungen zu korrigieren, dreht sich weiter.

So sind Innovationen ebenso ein Wachstumsrisiko, wenn echte Nachhaltigkeit verfehlt wird.

Nachdem nun die Kritik an den bisherigen Ansätzen abgehandelt ist wenden wir uns im nächsten Beitrag den von Paech vorgeschlagenen Lösungsansätzen zu.

 

Die Inhalte beziehen sich auf das von Niko Paech verfasste Kapitel Vom vermeintlich nachhaltigen Wachstum zur Postwachstumsökonomie, welches in dem Sammelband Ausgewachsen! im Rahmen eines Projekts von ATTAC herausgegeben wurde. Das gesamte Buch steht hier gratis zum download bereit.

Die Inhalte beziehen sich auf den von Niko Paech verfassten Beitrag Nachhaltigkeit zwischen ökologischer Konsistenz und Dematerialisierung: Hat sich die Wachstumsfrage erledigt? in der 6. Ausgabe 2005 der Zeitschrift Natur und Kultur, welcher hier zum Download bereitsteht.

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