Solidarität der Unwissenden – Grenzen der Vernunft?

Solidarität der Unwissenden

Wer möchte schon in einen Topf mit vielen anderen (womöglich schlechteren) Risikoträgern geworfen werden, wenn er mit individualisierten Tarifen besser abschneidet?                                                                                                              (Mau 2017 S. 272) 1

Eine positive Vision der Solidarität in einer quantifizierten Welt sollte dahin gehen, dass die Unterschiede, die sichtbar werden, unter der Perspektive der Solidarität betrachtet werden können.

Diese Frage stellt Steffen Mau, wenn er über Kollektive der Ungleichen in seinem Buch Das metrische Wir schreibt. Im Vorlauf beschreibt er eine Welt, die durch die zunehmende Quantifizierung immer mehr die Unterschiede zwischen Individuen präsentiert bekommt und dadurch von einer zunehmenden Auflösung des Zugehörigkeitsgefühls betroffen ist. Er formuliert so das Argument, dass Quantifizierung die Grundlage der Solidarität zerstört. Dieser Argumentationszusammenhang ist jedoch zu unpräzise gefasst und lässt wegen des absoluten Anspruchs keinen Raum für die Potenziale der Quantifizierung.

Mau beschreibt eine Gegenwart, in der Unterschiede zwischen Menschen nicht nur sichtbar, sondern eine ganz bestimmte Art von Unterschieden auf eine ganz besondere Art sichtbar wird: Quantifizierbare Unterschiede werden so sichtbar, dass Vergleichsmöglichkeiten zwischen Individuen zunehmen. Ein zunehmendes Konkurrenzdenken auf individueller Ebene entsteht. So werden Unterschiede aufgezeigt, die nicht dazu dienen – oder vielleicht gar nicht dazu dienen können – soziostrukturelle Unterschiede auszugleichen, sondern solche, die eine Identitätsbildung aufgrund von Positionierung – also im Wettbewerb – provozieren. 2

Das Argument der Quantifizierung, Granularisierung, Singularisierung, Datafizierung in Zusammenhang mit dem Rückbau der Solidarität ist folglich kein kausales Argument, das auf die Folgen der Quantifizierung als solche abhebt.

Die Annahme, welche bei Mau daher mitschwingt ist, dass es die Vorstellung eines Kollektivs der Gleichen braucht, um Solidarität herzustellen. Vergessen wird dabei, dass das gezielte Aufzeigen von Ungleichheiten die Grundlage und der Bezugspunkt von Solidarität ist. Nicht jede Unterscheidung erfüllt diesen Zweck, doch wird er auch erst durch Unterscheidungen ermöglicht.

Die Antwort auf die eingangs zitierte Frage fällt daher prinzipiell leicht: Jeder, der den Glauben an eine solidarische Gesellschaft besitzt.

Grenzen der Vernunft?

Wer möchte nicht für gesundes, risikoaverses oder vorbeugendes Verhalten belohnt werden?

(Mau 2017 S. 272)

Warum ist es wichtig, die Trennung von Quantifizierung als solcher und der Quantifizierung, die wir gegenwärtig erleben zu machen:

Davon auszugehen, dass die Quantifizierung von Ungleichheiten – was Quantifizierung ja immer ist – zwangsweise in einer Ablehnung des Solidarsystems endet, würde ein gewisses Menschenbild voraussetzen: Der Mensch muss in Unmündigkeit darüber gehalten werden, wem er warum solidarisch gegenübersteht. Das widerspricht meinem Verständnis nach der Idee einer Solidargemeinschaft in der Menschen füreinander eintreten um die Ungleichheiten auszugleichen, die für eine gute Gesellschaft ausgeglichen werden sollen.

Was in dieser Argumentation durchscheint ist Angst: Die Angst davor, dass sich das Ideal einer solidarischen Gesellschaft in dem Moment in Luft auflöst, in dem klar wird, wer für wen und warum Solidarität zeigt. Sollte sich dies bewahrheiten, dann war die Gesellschaft nie solidarisch und wird es auch nie sein, denn ihre bisherige Solidarität konnte nur auf der Grundlage von Unwissenheit existieren.

Ein Solidarverband impliziert bereits, dass es Ungleichheit gibt, die potenziell dadurch reduziert wird, dass der eine Mehr und der andere Weniger von etwas (meist Geld) in einen Topf wirft. Natürlich schwingt dabei einerseits die Befürchtung mit selbst auf der Seite derjenigen zu stehen, die auf Hilfe angewiesen sind. Jedoch schwingt dabei andererseits – und das ist der entscheidende Punkt – die Überzeugung mit, dass die Verbesserung der Lebensbedingungen von weniger privilegierten die Aufgabe der Privilegierten ist, um eine Gesellschaft zu schaffen, in der man gerne lebt. Es zählt also nicht nur das Argument der Angst bzw. Vermeidung, sondern auch das der Gestaltung der guten Gesellschaft.

Noch weiter: Wenn man das Argument macht, dass Quantifizierung Solidarität einschränkt, dann spielt man das Recht der Menschen auf die Gestaltung des Solidarsystems gegen diejenigen aus, die auf Solidarität angewiesen sind oder sich diese erkämpfen wollen.

Eine positive Vision der Solidarität in einer quantifizierten Welt sollte dahin gehen, dass die Unterschiede die sichtbar werden unter der Perspektive der Solidarität betrachtet werden können. Diesen Weg verbaut Mau mit seiner – an vielen anderen Stellen sehr hilfreichen – Argumentation.

Man kann sich darüber unterhalten, welche Art und Weise der Quantifizierung zu einem Rückgang der Solidarität führt, denn das scheint es zu sein, was wir gegenwärtig erleben. Das müsste aber an vielen Stellen jedoch mit der empirischen Wirklichkeit verbunden werden. Quantifizierung im Gesundheitssystem, der Wissenschaft, bei Selbstoptimierung oder in sozialen Medien in einen Topf zu werfen lässt sowohl Potenziale der Quantifizierung, als auch Quantifizierung als rein selbstbezügliche Praxis unter den Tisch fallen.

“Quantifizierung des Sozialen heißt eben zugleich Spaltbarkeit des Sozialen.” (Mau 2017 S. 272). Das Konjunktiv in diesem Satz bringt es gut auf den Punkt: Quantifizierung heißt die Möglichkeit der Spaltung des Sozialen, sie kann aber auch das Gegenteil bedeuten. Dass ersteres gegenwärtig überwiegt mag Gründe haben, diese sind es aber, die den Fortgang bestimmen.

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  1. Steffen Mau, Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen. Berlin: Suhrkamp, 2017
  2. Wo die Trennlinie zwischen sozialstaatlich nutzbarer Quantifizierung und Wettbewerb erzeugender Quantifizierung verläuft wäre die daraus resultierende Frage, die jedoch nicht gestellt wird.
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