#Umweltsau: in der Arena der Öffentlichkeit

Umweltsau

Was sich zwischen den Jahren unter dem Schlagwort “Umweltsau” abgespielt hat ist in Paradebeispiel dafür, wie parasoziale Medien auf journalistische Medien einwirken. Hervorzuheben sind dabei zwei Aspekte: Zum einen die Geschwindigkeit der Abläufe, die auf der Persistenz der Inhalte basiert. Zum anderen die kalkulierte Reaktion-Gegenreaktion-Dynamik, welche scheinbar resistent gegen Argumente ist und nur das Erzeugen von Opferrollen bewirkt.

Auslöser der Debatte war ein im Auftrag des WDR 2 produziertes Video. In diesem sang ein Kinderchor eine Neudichtung des Kinderliedes Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad. Der Oma wurde darin unterstellt sie sei eine “Umweltsau” , weil sie etwa SUV fährt oder täglich Billigfleisch isst.1 Ursprünglich waren einige Strophen in der Satiresendung Satire Delux vom 2. November 2019 abgespielt worden, um die Kritik der Fridays for Future Bewegung satirisch zu überzeichnen. 2 Das eigentliche Ziel waren demnach nicht Seniorinnen und Senioren, sondern die jugendlichen Klimaprotestanten. Erst eine Veröffentlichung des vollständigen Songs durch den WDR auf Facebook kurz vor Jahresende brachte die Sache jedoch in Gang. 3 In kürzester Zeit breitet sich auf den parasozialen Medien, allen voran Twitter, ein Welle der Entrüstung aus. Der Hauptkritikpunkt: Die Generation der Seniorinnen und Senioren würde respektlos behandelt. Trotz der entgegengesetzten Faktenlage sah sich der Intendant des WDR dazu gezwungen sich öffentlich in einer außerplanmäßigen Livesendung vom Krankenbett seines Vaters für das Video zu entschuldigen. Zuvor war das Video bereits von den Programmverantwortlichen aus der Mediathek entfernt und noch früher von Facebook entfernt worden. Hochrangige Politiker, wie Armin Laschet, und diverse Personen der Öffentlichkeit äußerten sich im Anschluss.4 Die Eskalationsstufe wird neben der Sondersendung mit Liveschalte anhand der Morddrohungen gegen Mitarbeiter des WDR und Protesten Rechtsradikaler vor dem Hauptgebäude des WDR deutlich.

Selbst, wenn sich der WDR mittlerweile unbeeindruckt von den Vorgängen in den parasozialen Medien zeigt und sein Handeln etwa durch Anrufe betroffener Seniorinnen und Senioren rechtfertigt, lässt sich an diesem Beispiel das Neue der gegenwärtigen Öffentlichkeit beschreiben.

Die Arena der Öffentlichkeit

Anhand der von Kurt Imhof vorgeschlagenen Aufteilung der Öffentlichkeit ist es möglich diese Vorgänge im Hinblick auf Einflusschancen Beteiligter zu betrachten. Die Akteure können den vertikalen Dimensionen der Kommunikationsstruktur moderner Gesellschaften zugeteilt werden. Je zentraler, um so höher sollen die Einflusschancen auf die Öffentlichkeit sein.5

Der WDR steht stellvertretend für das mediale Kommunikationszentrum. Im Zentrum ist der WDR als Stellvertreter klassischer journalistischer Massenmedien, weil es sich um den Bezugspunkt der Kritik handelt. Gleichzeitig ist die Reaktion von dieser Seite stets der Dreh- und Angelpunkt der Debatte.

Die Semi-Peripherie tritt als Expertenkultur mit kognitiv-empirischen Weltbezug in Person von Luca Hammer in Erscheinung. Dieser liefert der Berichterstattung des Spiegels die nötigen Analysen um die Abläufe auf Twitter einordnen zu können.6 So gelangt das Expertenwissen, das die meiste Zeit nur in der Kommunikationsperipherie wahrgenommen wird (etwa auf spezifischen Blogs oder in Fachzeitschriften), über den Spiegel in das etablierte Kommunikationszentrum. Dieser Teil der Kommunikationsstruktur scheint weiterhin besonders Relevant zu sein, da auf der Grundlage dieses Wissens Vorgängen Legitimation zukommen kann oder entzogen wird.

Die autonome Gegenöffentlichkeit tritt mit größter Wirkung in Form der AFD nahen Kritiker des Songs auf Twitter in Erscheinung. Weiter gefasst kann damit das gesamte politische Spektrum um PEGIDA und die zunehmende Relevanz im Laufe der Migrationsdebatte verstanden werden. Die sich in dieser Gemengelage vereinten Randgruppen von Eurokritikern, Rechtsextremen, Nationalkonservativen oder Anhängern von Verschwörungstheorien sind immer schwerer zu trennen und wirken mittlerweile eher in Form einer sozialen Bewegung auf die etablierten Deutungsmuster zum Thema Einwanderung und Migration (damit gehen noch andere Themenfelder einher) ein.

Dieser Relevanzgewinn kann anhand der Öffentlichkeitstheorie von Kurt Imhof als Wechsel von einer strukturzentrierten zu einer krisenhaften Phase gedeutet werden. Entscheidend scheint demnach nicht zu sein, welche Deutungsmuster miteinander interagieren, sondern wie diese miteinander in Austausch treten.

Die Definition der Situation produziert in manchen fällen so schnell Konsequenzen, dass für eine Analyse der Sachverhalte oft keine Zeit bleibt. Das mag im Wesen der Medien angelegt sein, jedoch erhebt es die, im historischen Kontext, relativ neue Möglichkeit, sich – wie der WDR Intendant Tom Buhrow – in jeder Lebenslage und an jedem beliebigen Ort in die Debatte einzumischen, zu einem Gebot. Umso extremer die Einschätzung eines Sachverhalts ausfällt, umso höher ist der Druck sofort zu handeln. Dass damit die schnellen Reaktionen auch immer die sind, die unter Umständen am weitesten an der Realität vorbeigehen, liegt dann auf der Hand.

Die Anbindung an das Publikum ist scheinbar öffentlich sichtbar. Wie viele und welche Telefonate beim WDR eingehen dringt nicht nach außen, es entsteht kein Druck sich sofort zu rechtfertigen. Ganz anders über Twitter, wo der Fokus der Aufmerksamkeit sehr viel schneller gesetzt werden kann. Die Legitimation und Delegitimation der Semi-Peripherie verliert durch die parasozialen Medien ihre Wirkung in der Debatte zunehmend, da Expertise Zeit benötigt, die die durch das Dorf getriebenen Journalisten nicht mehr zulassen (können?).

Bei diesem Zusammenspiel der verschiedenen Einflusssphären wird auch klar, warum Gegenrede auf Twitter nicht zu einer Entspannung führen kann. Wird ein aus der autonomen Gegenöffentlichkeit stammendes Thema mit Aufmerksamkeit bedacht, dann erhöhen sich damit auch die Einflusschancen dieses Themas. Der schnellste Weg in das Zentrum der Öffentlichkeit führt über eine möglichst große Welle an Gegenreaktionen. Begreift man den sozialen Wandel dann als abhängig von der öffentlichen Meinung, wird sehr schnell klar, dass dieser unreflektierte Reiz-Reaktion-Ablauf von Rede und Gegenrede in eine Gesellschaft führen kann, deren primärer Selbststeuerungsmechanismus nicht auf Ratio, sondern auf Befindlichkeiten basiert.

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  1. https://www.youtube.com/watch?v=8AQD50V-ONw
  2. Ab Minute 37: https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/unterhaltung-am-wochenende/satiredeluxe-live-100.html
  3. Leider ist der Post mittlerweile gelöscht und es kann nicht mehr nachvollzogen worden, welcher Kontext zusätzlich geliefert wurde.
  4. https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/nach-oma-ist-ne-umweltsau-lied-deutsche-umwelthilfe-verteidigt-wdr-satire-kinderhilfswerk-kritisiert-loeschung/25371512.html
  5. Grundlage dieser Zuordnung ist die Ausführung der Theorie von Kurt Imhof in: Eisenegger, Mark und Udris, Linards (2019): Eine Ölffentlichkeitssoziologische Theorie des sozialen Wandels in der digitalen Gesellschaft. In: Eisenegger, Mark (Hrsg.): Wandel der Öffentlichkeit und Gesellschaft. S. 3 – 28, Wiesbaden: Springer
  6. https://www.spiegel.de/netzwelt/web/wdr-umweltsau-skandalisierung-die-empoerungsmaschine-laeuft-heiss-a-1303164.html
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