Was das Valley denken nennt: Über die Ideologie der Techbranche

Lesedauer: 13 Minuten

Was das Valley denken nennt: Über die Ideologie der Techbranche

 

Adrian Daub wirft einen kritischen Blick in das Gehirn des Silicon Valley und zeigt, woher die Ideen des Techsektors kommen.

Mit „Was das Valley denken nennt: Über die Ideologie der Techbranche“ liefert der Professor für vergleichende Literaturwissenschaften an der Universität Stanford seine zweite Diagnose dieses Themas. Bereits 2016 erschien das Buch „Pop Up Nation: Innenansichten aus dem Silicon Valley“, in dem der ursprünglich aus Köln stammende seine Eindrücke des Lebens im Valley darlegt. Seine Beiträge zum Zeitgeschehen finden sich regelmäßig in den deutschen Medien, wie der ZEIT oder FAZ.

Das Buch passt in eine Zeit, in der die Megaunternehmen aus dem Silicon Valley mit ihren prominenten Gründerfiguren zunehmend in das Zentrum der öffentlichen und politischen Debatte rücken. Daub bezieht in dieser Auseinandersetzung eine kritische Position gegenüber den Versprechen und der Selbstdarstellung der Techunternehmen. Der Essay stellt den Versuch dar, ihrer Rhetorik und Selbstdarstellung auf den Grund zu gehen.

Adrian Daub begründet seine Kritik des Silicon Valleys damit, dass das Selbstbild des Techsektors aus Ideen besteht, die entweder falsch aus der Wissenschaft übernommenen wurden oder grundsätzlich kritikwürdig sind. Diese Ideen seien nicht falsch, jedoch erlauben sie den reichen und mächtigen Unternehmen und Personen aus der Techbranche Unterscheidungen ohne Unterschied vorzunehmen. Gleichzeitig wird verhindert, Unterscheidungen anzuwenden, die für eine handlungsfähige Politik nötig sind. Die Gefahr der Ideen des Valleys ist, dass sie zu schlechtem Denken führen, so die These von Daub.

Zusammenfassung

Anhand der Geschichte von sieben Ideen rekonstruiert Daub das Selbstverständnis des Techsektors. Die Ideen entspringen zumeist der Gegenbewegung der 60er-Jahre und führen mal über prominente Vertreter des Techsektors wie Peter Thiel, mal über esoterisch angehauchte New Age Institute wie das Esalen Institut. Die Theorien und Erzählungen werden auf diesem Weg so angepasst, dass sie am Ende in das bereits vorherrschende Selbstbild des Silicon Valley passen. Die sieben Aspekte, die Daub anführt, sind: der Ausstieg aus dem etablierten Universitätssystem als Initialisierungsritus, der Primat der Plattform gegenüber dem Inhalt, der Geniekult, die (enttäuschte) Hoffnung auf eine bessere Kommunikation durch Technik, die Kontrolle des Begehrens als Herrschaftswerkzeug, die Disruption als Selbstzweck und das Scheitern als Teil des Aufstiegs. Dieses durch Ideen angereicherte Selbstbild dient dem Techsektor als Begründung und Rechtfertigung für seinen unwahrscheinlichen Erfolg der letzten Jahre. Daub denkt dabei zwar auch an den ökonomischen Erfolg, der bisher etablierte Marktmodelle in die Defensive drängt, doch primär ist die zunehmende Deutungshoheit gegenüber der Politik gemeint, die den ökonomischen Erfolg erst ermöglicht hat.

Die Argumentation von Daub verläuft stets nach einem ähnlichen Muster: Zuerst wird ein Grundgedanke dargelegt, sein Vertreter oder seine Vertreterin vorgestellt und dann eine Geschichte erzählt, die nachvollziehbar machen soll, welche Transformationen er bis durchlaufen hat und wie dieser Gedanke das Selbstbild des Silicon Valley prägt. Daub führ diese Transformation der Ideen darauf zurück, dass viele der rezipierten Ideen nur oberflächlich oder gar nicht verstanden werden.

Ausstieg aus dem etablierten Universitätssystem als Initialisierungsritus

Eine beliebte Erzählung über viele Größen des Valleys ist die des Studienabbruchs. Dieser sei eine riskante Entscheidung, welche getroffen wurde, um etwas Großes zu leisten. Für Daub zeigt jedoch, dass ein Studienabbruch zugunsten einer Karriere im Techsektor für gewöhnlich kein äußerst riskantes Unterfangen ist, jedoch nur zum Erwerb eines oberflächlichen und fragmenthaften Wissens führt.

Wird über die Lebensläufe der Gründer erfolgreicher Unternehmen aus dem Techsekor berichtet, dann haben diese eine Gemeinsamkeit: den Studienabbruch. Das ist ein Grund dafür, warum immer wieder behauptet wird, die Universitätsausbildung sei für eine erfolgreiche Karriere in diesem Bereich nicht notwendig, ja sogar hinderlich. Daub weist darauf hin, dass Gates, Zuckerberg und Musk zwar ohne Abschluss die Universität verlassen haben, jedoch trotzdem viele Jahre dort verbrachten und ihnen nach dem Abgang weiterhin verbunden blieben. Auch die Behauptung, der Studienabbruch sein mit einem großen Risiko verbunden, hält einer genaueren Betrachtung nicht stand. Zum einen kann das Studium ohne Probleme fortgesetzt werden, sollte der Ausflug in die Techbranche scheitern. Zum anderen verfügten die Vorbilder über ausreichendes finanzielles und soziales Kapital, um ein mögliches Scheitern nicht in einer Katastrophe enden zu lassen. Diese Punkte nehmen dem Studienabbruch den heroischen Anstrich. Trotzdem behält der Studienabbruch seine Attraktivität, da sich Abgänger zum einen mit dem Namen einer Eliteuniversität schmücken können und zum anderen den Ruf eines Rebellen anstreben, der selbst diese Chance ausschlägt, um sein eigenes Ding zu machen.

Das abgebrochene Hochschulstudium ist für Daub die Erklärung, warum das Selbstbild des Techsektors auf oberflächlich und oft falsch verstandenen Ideen beruht. Die Bildung, die jemand erhalten hat, der nach 1 oder 2 Jahren sein Studium abbricht, enthält nur die ersten kleinen Abschnitte von Spezialwissen, ist aber dafür voll mit breit gestreuter oberflächlicher Allgemeinbildung. Es fehlt also schlicht die Erfahrung, um die rezipierten Ideen in ihrer Tiefe und Komplexität zu durchdringen. Was man an dieser Stelle noch anmerken muss, ist, dass Studiengänge in den USA mit einem allgemeinen Grundlagenstudium starten, welches dem Niveau der Oberstufe des Gymnasiums näher ist als dem einer deutschen Hochschule.

Primat der Plattform gegenüber dem Inhalt

Ein dauernder Konflikt zwischen Politik und den großen Playern der sozialen Medien ist die Frage, wer für den Inhalt der Plattformen verantwortlich ist. Daub greift das Verhältnis von Medium und Inhalt auf, wie es von Marshall McLuhan beschrieben wird, um daraus abzuleiten, warum der Techsektor den Inhalten Geringschätzung entgegenbringt und sich auch nicht für Inhalte verantwortlich fühlt.

Die Erzählung beginnt damit, dass die Theorie von McLuhan auf die Gegenbewegung der 60er-Jahre trifft. McLuhan entwickelt die Theorie, dass sich die Wirkung von Medien nicht durch ihren Inhalt bestimmen lässt, sondern dass die Form des Mediums dessen Wirkung bestimmt. Somit ist die Beschäftigung mit dem Inhalt Zeitverschwendung, wohingegen das Entwickeln von Plattformen die eigentliche Herausforderung ist.

Dieser Gedanken verwandelt die zuerst feindliche Einstellung der Gegenbewegung gegenüber Technik in Zuneigung. Der Trick geht folgendermaßen: Die Folge von neuen Medien lassen sich durch Autoritäten nicht vorherbestimmen und kontrollieren. Neue Medien haben daher einen antiautoritären Charakter und helfen dabei, eine liberalere Gesellschaft zu erschaffen. Mehr unkontrollierte Kommunikation soll zu mehr Austausch führen.

Gleichzeitig versetzt einen das Wissen über die Funktionsweise der neuen Medien die Macher in eine privilegierte Position, da sie so das Gefühl haben, exklusiv auf eine Ebene der Realität blicken zu können, die anderen verschlossen bleibt. Neue Medien werden so zu einem Mittel ein Gesellschaftsmodell voranzutreiben, ohne sich dazu in einen politischen Austausch begeben zu müssen.

Diese Haltung führt nicht nur zu Konflikten mit der Politik, was die Verantwortung für die Inhalte angeht. Das Verhältnis zu den Nutzern wird ebenfalls davon bestimmt, da diese „nur“ für den Inhalt sorgen. Diese Trennlinie läuft ebenso durch die Unternehmen. Personen, die direkt an der Technik der Medien arbeiten, werden geschätzt und erhalten Privilegien. Diejenigen, die für andere Bereiche des Unternehmens zuständig sind, werden dagegen prekär beschäftigt.

Die Entwickler sozialer Plattformen wie Facebook verstehen ihr Produkt als Geschenk an die Menschheit, da sie fest an die positive Wirkung freier Kommunikationsmedien glauben. Die Macher verstehen daher nicht, dass negative Konsequenzen eintreten können und schieben die Verantwortung für diese alleine den Benutzern zu. Dass es sich dabei um eine kommunikative Finte handelt, wird spätestens im vierten Kapitel deutlich.

Geniekult

Im Silicon Valley herrscht ein extremer Personenkult. So wird er Erfolg von Unternehmen vor allem durch einen Faktor erklärt: den Geschäftsführer. Das Unternehmen wird als Verkörperung seines Chefs verstanden, der darin seine außergewöhnlichen Fähigkeiten zum Ausdruck bringt, gerade dann, wenn es sich auch noch um den Gründer handelt.

Diesen Geniekult setzt Daub in Verbindung mit dem heroischen Individualismus, der das zentrale Motiv der Schriftstellerin Ayn Rand ist. Die Werke von Rand sind im Valley gut bekannt. In ihnen findet sich stets die Figur des Außenseiters, der sich alleine gegen das Establishment durchzusetzen versucht. Das Establishment besteht aus untalentierten, korrupten und unfähigen Personen, die sich nur durch Betrug in ihre Position gebracht haben. Der Außenseiter dagegen verfügt über außergewöhnliches Talent, wird jedoch unterdrückt und ausgenutzt. Durch Rand kann sich der Techsektor den Anstrich der Rebellion geben. Dagegen wendet Daub ein, dass es im Techsektor nicht darauf ankommt, tatsächlich Widerstand zu leisten, sondern alltägliche Gesten so aufzublasen, als wären sie aktiver Widerstand. Jedoch wird nur das reproduziert, was im Valley bereits Konsens ist. Dass die Techriesen schon das Establishment geworden sind, gegen das sie sich zu wenden vorgeben, ist dabei noch nicht eingepreist. Sie fühlen sich immer noch als Underdog.

Das Genie agiert alleine und ist auf niemanden angewiesen, so die Darstellung, die Daub als absolutistische Vorstellung Rands bezeichnet. Dem entspricht auch das Berufsbild im Techsektor, nach dem der Programmierer alleine vor seinem Computer sitzt und große Taten vollbringt. Im Erfolg des Unternehmens zeigt sich das Genie des Unternehmers. Rand propagiert eine Gesellschaft, in der nur denjenigen ein Platz an der Sonne zugesteht, die mit besonderen Fähigkeiten geboren wurden. Daub kritisiert daran, dass die Einbettung in den sozialen Kontext (z. B. Teams) dem Selbstbild des Techsektors stark widerspricht.

(enttäuschte) Hoffnung auf eine bessere Kommunikation durch Technik

Der Techsektor weiß sehr genau, wie er die enttäuschten Hoffnungen der digitalen Medien nutzt, um Gewinn zu machen und sich aus der Verantwortung zu ziehen.

Digitale Kommunikationstechniken wurden in ihrer Frühphase mit der Hoffnung beladen, endlich globale Kommunikation zu ermöglichen, die die Menschen näher zusammenzubringen, Konflikte zu lösen und neue Erfahrungen zu ermöglichen, die das Bewusstsein erweitern. Das zeigt das Beispiel des Russian-American Center von Esalen. 1982 baute deses eine Satellitenverbindung mit der Sowjetunion auf, um gemeinsam ein Musikfestival zu feiern. Die neue Satellitentechnik sollte genutzt werden, um den Austausch zwischen den Bürgern zu ermöglichen, unter Ausschluss staatlicher Stellen. Für einen kurzen Augenblick in der Menschheitsgeschichte schien die Hoffnung realistisch, durch neue digitale Kommunikationsmittel endlich Kommunikation zu erleben, die vollkommen transparent ist und so das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Direktheit befriedigt.

Schnell wurde aber deutlich, dass mehr und scheinbar bessere Kommunikationsmöglichkeiten auch Probleme erzeugen, die ihre positiven Folgen durchaus aufwiegen. Mehr Kommunikationsmöglichkeiten bedeutet, dass tatsächlich mehr kommuniziert wird, was es umso schwieriger macht, wichtige Inhalte von unwichtigen zu trennen. Gleichzeitig erhöht sich durch die gestiegene Adressatenschaft der potenzielle Schaden, den Kommunikation anrichten kann. Auch Machtdifferenzen zwischen Regierungen und Bürgern erhöhen sich durch das gestiegene Überwachungspotenzial.

Der Techsektor ist davon nur enttäuscht, dachte er doch, dass seine Technik ein Geschenk an die Menschheit ist. Er versteht nicht, wieso Menschen damit destruktiv umgehen. Das Ideal der Öffentlichkeit zeigt durch die Wirklichkeit der Öffentlichkeit immer stärker, dass es eben nur ein Ideal ist.

Daub deutet diese Enttäuschung als Resultat simulierter Kommunikation, die enttäuscht werden will, wie in Kapitel 2 angedeutet. Die großen Plattformen präsentieren sich selbst als neutrale Kommunikationsmittel, die keinen Einfluss auf das Geschehen auf ihnen haben. In Wirklichkeit sind die Plattformen aber nach einer bestimmten Logik konstruiert, die eine gewisse Art von Reaktion und Gegenreaktion vorsieht. Daub beschreibt diese als „Austausch von Triggern“. Plattformen sind dafür gemacht, stets zu polarisieren und Botschaften hervorzuheben, die Emotionen ansprechen. Trolle sind demnach Meister darin, Plattformen so zu bedienen, wie es die Konstrukteure vorgesehen haben. Plattformbauer behaupten aber das Gegenteil: ihre Plattformen seien ideale Kommunikationsmittel. Diese Vorstellung muss also stets vom Nutzerverhalten enttäuscht werden, wobei die Plattformbauer darum sehr genau wissen. Sie müssen jedoch so tun, als hätten sie mit aller Macht versucht, eine neutrale Kommunikationsplattform zu erstellen.

Dieses Kapitel zeigt, dass Ideale wirklich einige Zeit Triebfeder der Entwicklung neuer Medien waren, mittlerweile jedoch nur noch das Feigenblatt vor der ökonomischen Verwertungslogik sind.

Kontrolle des Begehrens als Herrschaftswerkzeug

Das deutlichste Beispiel missinterpretierter Ideen finden wir in der Verwendung der Theorien von René Girard. Zu dieser Einschätzung komme ich deshalb, weil einerseits die Diskrepanz zwischen ursprünglicher Theorie und Verwertung am größten scheint. Andererseits ist das, was dadurch begründet werden, soll ein Zeichen des antidemokratischen Charakters des Techsektors. Die Geschichte zeigt, wie sich der Techsektor im Besitz erhabenen Wissens fühlt und dabei auf wissenschaftliche Theorien zurückgreift, diese jedoch missinterpretiert und sich daher selber in die Außenseiterrolle bringt, in der er sich gerne sieht.

Girards Theorie des mimetischen Begehrens beruht auf dem Gedanken, dass jedes Begehren von jemand anderem abgeschaut wurde. Da sich dieser Prozess bei den meisten ähnelt, wollen alle das gleiche und es kommt zu einem ständigen Wettbewerb, woraus andauernde Konflikte resultieren. Daub kritisiert die Theorie Girards als in vielen Teilen nicht schlüssig (z. B. wo denn der Ursprung des Begehrens liege) und verweist darauf, dass sie hauptsächlich in den Religionswissenschaften, Literaturwissenschaften, der Anthropologie und Philosophie wahrgenommen wurde. Verwendung fand sie in katholischen Seminaren und der universitären Forschung. Sie sei viel zu allgemein gehalten, um konkret etwas erklären zu können, also auch nicht für eine Anwendung geeignet. Das einzige, was Girards Theorie im Silicon Valley relevant machen konnte war, dass er vor Ort als Professor für vergleichende Literaturwissenschaften in Stanford lehrte.

Was der Techsektor (hier wird auf Peter Thiel Bezug genommen) daraus macht ist jedoch eine Anleitung zur Vorherrschaft. Die Interpretation lautet: Hat man die Kontrolle über sein eigenes Begehren, dann ist man in einer privilegierten Position und man besitzt die Möglichkeit und Berechtigung andere zu steuern. Das Valley möchte sich mit dem Rückgriff auf diese Theorie den Anstrich der wissenschaftlichen Avantgarde geben, bestätigt damit jedoch nur einen zynischen Aspekt der eigenen Weltsicht: Menschen sind Lemminge und verdienen es, von Unternehmen ausgebeutet zu werden.

Disruption als rhetorisches Mittel

Das Valley verwendet rhetorische Mittel, um für die eigene Technik eine rechtliche Grauzone zu schaffen. Diese entsteht daraus, dass behauptet wird, eine neue Technik falle aufgrund ihrer Neuartigkeit nicht unter die bestehenden Regelungen. Die Zeit, die der Gesetzgeber benötigt, um zu prüfen, ob dies tatsächlich der Fall ist oder gegebenen Falls wirklich neue Reglementierungen zu erlassen, wird von den Unternehmen genutzt, um sich auf dem Markt zu etablieren und Konkurrenten zur Aufgabe zu zwingen, die von bestehenden Regeln betroffen sind. Dieser Vorteil existiert jedoch nur so lange, bis geprüft wurde, inwiefern die neue Technik von bestehendem Recht berührt wird. Sobald eine Anwendung bestehender oder neuer Reglementierungen stattfindet, ist der Wettbewerbsvorteil meist Vergangenheit. Die anderen Unternehmen bleiben jedoch beschädigt. Als treffendes Beispiel nennt Daub den Fahrdienstleister Uber. Ein Unternehmen, das jährlich Verlust verzeichnet, indem es das Geschäftsmodell Taxi kopiert. Nur mit dem Unterschied, dass die Mitarbeiter nicht die Privilegien einer Anstellung genießen und die Nutzergruppe auf Personen beschränkt ist, die ein Smartphone und eine Kreditkarte besitzen.

Das Zauberwort, mit dem sich solche Grauzonen schaffen lassen, lautet Disruption. Es ist ein rhetorisches Mittel, um sich der Reglementierung zu entziehen. Auf Grundlage dessen warnt Daub davor, dass die Selbstetikettierung des Techsektors den politischen Handlungsspielraum einschränkt.

Scheitern als Teil des Aufstiegs

Eine weitere Auszeichnung, die in keiner Biografie eines erfolgreichen Unternehmers in der Techbranche fehlen darf, ist die des Scheiterns. Das Scheitern stellt im Silicon Valley gewissermaßen einen Fetisch im Lebenslauf erfolgreicher Menschen dar. Es gilt das Credo, dass es kein langfristiges bzw. endgültiges Scheitern gibt, sondern nur kurzfristige Misserfolge auf dem Weg zu Erfolg. Auch hier findet Daub einen interessanten Gedanken wieder, der seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt wurde. Es handelt sich um die häufig zitierte Phrase: „Fail again. Fail better.“ Diese stammt aus Simon Becketts Novelle „Worstward Ho!“. Beckett meint damit jedoch das endgültige Scheitern, an dessen Ende nur der Tod wartet und nicht der Erfolg. Es soll eine zutiefst pessimistische Haltung gegenüber dem westlichen Fortschrittsglauben ausdrücken. Der Umgang mit diesem Zitat ist laut Daub exemplarisch dafür, wie im Valley mit Ideen umgegangen wird. Sie werden aus dem Kontext gerissen und ihrer Bedeutung beraubt.

Für das Valley bedeutet „Fail again. Fail better.“ nur, dass es nach dem Scheitern einen nächsten Versuch gibt, der dann besser verlaufen wird. Damit wird das Scheitern zu einem Antrieb, es erneut zu versuchen. Dass das Scheitern endgültig sein könnte, gehört nicht zum Bewusstsein des Valleys; es gibt keine negativen Erfahrungen. Fehlschläge sind nur ein weiterer Hinweis darauf, dass es sich selber zu optimieren gilt. Sie sind also ein Treiber des Selbstoptimierungskultes, der ein zentrales Element des Silicon Valley ausmacht: Der Mensch kann sich und sein Verhalten neu programmieren. Nicht ohne Grund stammt die pseudowissenschaftliche Methode der Neuro-Linguistischen Programmierung, die sich großer Beliebtheit in der Selbsthilfebewegung erfreut, aus Kalifornien.

Damit verweist Daub auf eine interessante historische Notiz der Entwicklung der Gegenkultur der 60er-Jahre. Nachdem sich diese in der Auseinandersetzung mit der Politik als unterlegen fand, beschritten sie einen anderen Pfad: den Weg nach innen. Anstatt die Gesellschaft durch die Auseinandersetzung mit bestehenden Institutionen und Strukturen zu verändern, beschlossen sie, dass die eigene Veränderung zur Grundlage gesellschaftlichen Wandels werden sollte. So zogen sie sich aus der Politik zurück und experimentierten anstatt dessen mit dem eigenen Bewusstsein. (Eine ganz andere Entwicklung als die deutsche Gegenkultur, die sich für den Gang durch die Institutionen entschied.)

Evaluation

Adrian Daub schafft es zweifellos, mit seinem Buch einen spannenden Einblick in die Denktradition des Techsektors aus Kalifornien zu geben. Gerade der Einblick in die Kulturgeschichte Amerikas ist für den Leser ein Gewinn, da die Verbindung von Gegenkultur und Techbranche sehr gut nachvollziehbar wird.

Einen Kritikpunkt, den Daub auf den ersten Seiten bereits an sich selber richtet, ist die Engführung des Techsektors auf seine prominenten Vertreter. Die Verallgemeinerung im Titel ist daher irreführend, da es eher um die Personen geht, die das Gesicht des Valleys prägen, nicht diejenigen, die das Valley tatsächlich mit Leben füllen. Aus dieser Perspektive resultieren auch die deutlichen Spitzen des Buches gegen den Techsektor, die wahrscheinlich nur deshalb so klar hervortreten, weil sie sich auf die Darstellung und Selbstdarstellung einiger weniger Personen stützen, deren Bekanntheit Teil der Unternehmensstrategie ist.

Daub erweckt stellenweise den Eindruck, die schwindende Handlungsfähigkeit der Politik könne einseitig der Techbranche angerechnet werden. Hier darf man nicht vergessen, dass die Gewichtung zwischen Wirtschaft und Staat in den USA eher in Richtung Wirtschaft tendiert, verglichen mit Europa. Viele Unternehmen der Techbranche agieren in Europa, jedoch war lange nicht klar, welche Reglementierungen gelten und welche neu geschaffen werden müssen. Dass die Techbranchen diese Grauzone ausnutzen, ist keine Frage, jedoch sind solche Anpassungsprozesse kaum zu umgehen.

Fraglich ist auch die Tragfähigkeit des Arguments, dass schlechtes Denken eine Folge von abgebrochener Hochschulausbildung ist. Darin steckt der Glauben an die Überlegenheit des universitären Wissens. Betrachtet man den ökonomischen Erfolg des Silicon Valleys, dann muss in dem Denken doch eine eigene Qualität liegen. Wenn Daub das Denken des Valleys kritisiert, dann ist dies eine Kritik daran, dass das Valley einen Weg gefunden hat, sich dem Zugriff der Politik zu entziehen. Schlechtes Denken bei Daub ist demnach Denken, das die politische Handlungsfähigkeit einschränkt. Ob eine abgeschossene Hochschulausbildung von Elon Musk oder Mark Zuckerberg dies verhindert hätte, ist jedoch fraglich.

Fazit

Lesenswert ist das Buch trotzdem für alle, die das Selbstbild des Silicon Valley besser verstehen wollen. Es hilft, den scheinbar neuartigen Ideen und Konzepten den Anschein der Neuartigkeit nehmen und zu verstehen, dass es sich dabei häufig nur um alte Ideen in neuer Verkleidung handelt. Für die zeitweise rapide voranschreitende Entmachtung der Politik durch die Techbranche liefert „Was das Valley Denken nennt“ wichtige Hinweise.

 

Daub, A. (2020): Was das Valley denken nennt: Über die Ideologie der Techbranche.(*)Berlin: Suhrkamp.

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