Der Kampf um Fakten als Selbstbeschäftigung – Wie sich die Medienlandschaft selbst verunsichert

Die Faktenfrage als Bezugspunk

Kaum ein Phänomen hat durch die Zunahme der digitalen Kommunikation so an Relevanz gewonnen, wie das der Fake-News.1 Daran zeigt sich in erster Linie, dass die Faktizität als primäres Legitimationsargument Hochkonjunktur hat: Der Verweis auf Fakten ist obligatorisch. Gleichzeitig wird der Kampf um das, was Fakt ist erbittert geführt. Jeder der eine Position vertritt muss versichern, dass die Fakten auf seiner Seite sind. Damit ist es zur Strategie geworden die Legitimität und Glaubwürdigkeit politischer Gegner durch die Behauptung falscher Fakten anzuzweifeln.

Eine solche Anschuldigung führt zu einem Rechtefertigungsdruck. Üblicherweise jedoch nicht auf der Seite, die die Anschuldigungen erhebt, sondern auf der der Beschuldigten. Das ist einerseits nachvollziehbar, birgt jedoch andererseits Probleme. Nachvollziehbar ist es deshalb, weil der Anspruch auf Faktizität gerne erfüllt wird, in der Hoffnung die eigene Position durch diesen Nachweis zu stärken. Problematisch dabei ist dann, dass durch die Reaktion auf die Kritik, dieser Relevanz zugesprochen wird. Ganz unabhängig davon, ob diese inhaltlich gerechtfertigt war.

Der entstehende Rechtfertigungsdruck kann also genutzt werden, um die Position des Kritikers zu stärken. Man gibt die Aussage so in eine Kategorie der Aussagen, die falsch sind und nun ist es am Beschuldigten sich wieder davon frei zu machen. Weiter noch ist damit auch stets ein persönlicher Angriff verbunden, da dem Gegenüber vorgeworfen wird zu lügen. Dieses Spiel von Reaktion und Gegenreaktion in der Auseinandersetzung ist alles andere als neu.2

Gegenwärtig erfreut sich diese Strategie der Argumentation scheinbar besonderer Beliebtheit und ist zudem noch besonders erfolgreich. Die Medien erscheinen in diesem Spiel wie ein Hund, der seinen eigenen Schwanz jagt und sich dabei nur noch im Kreis dreht. Wo dem Leser ein Faktum präsentiert wird ist das Interesse schon lange wieder durch eine andere Fake-News abgelenkt. Auf dieser Grundlage stellt sich die Frage, wie sich die Dynamik der öffentliche Debatte in Hinblick auf diese Argumentationsstrategie verändert hat. Wodurch ist dieser Relevanzzuwachs zu erklären?

Wahrheit oder Demokratie?

Neu ist nicht die Lüge, die Fake-News, neu ist die Aufmerksamkeit und Sonderstellung die ihr zukommt. Zum einen sind die Medienmacher wohl selbst verunsichert, was die Sicherheit ihrer Fakten angeht, werden sie doch immer häufiger und schneller angezweifelt. Zum anderen sind Nachrichten über Fake-News gegenwärtig besser um Auflage und Aufmerksamkeit zu erzielen, das Thema ist in Mode. So dreht sich die Spirale fröhlich weiter. Falschnachrichten sorgen für Anschlusskommunikation, wenn auch nur in Form einer Richtigstellung. Deshalb ist in der versuchten Definition von Fake-News auch die Anschuldigung das zentrale und nicht die Frage, ob die Anschuldigung zutrifft.

Das alles hängt zusammen mit der Relevanz, die Ereignissen auf parasozialen Medien zugeschrieben wird. Wenn eine Meldung auf diesen Plattformen eine hohe Reichweite erhält, dann wird dem auch Relevanz zugesprochen. Ganz nach dem Prinzip: “was vielen richtig scheint, das, sagen wir, ist” (Aristoteles nach Schopenhauer 2009 S.31).
Wenn jemand Aufmerksamkeit für Fake-News bekommt, dann ist diese Aufmerksamkeit der Brennstoff für weitere Fake-News. Diesen Zirkel kann man nicht mit einer Richtigstellung durchbrechen, da diese ja nur Bestätigung und als Information redundant wäre.

Als Aufmerksamkeitsgenerator sollte die Lüge bei Hannah Arendt nicht funktioniert, sondern als das Gegenteil: Als Ablenkung, von unliebsamen Fakten. Als Strategie der Irreführung. Und obwohl all die Fakten im Beispiel der Pentagon-Papiere bereits seit Jahren in den Zeitungen wahren – diese haben keine Neuigkeiten ans Licht gebracht – waren es die Statuszuweisungen der Regierung, die für Relevanz gesorgt haben. Es waren also nicht Fragen von Wahrheit oder Lüge, sondern der Kampf der Regierung gegen die Veröffentlichung der geheimen Dokumente, der Versuch des Verbots und die dadurch signalisierte Brisanz, die erst zu den Folgen führte. Dabei spielen soziale Faktoren, wie die Quelle der Fakten bzw. diejenigen, die sie für relevant halten eine entscheidende Rolle. Eine Wahrheit erhält noch lange nicht Relevanz, nur weil sie wahr ist. Die Reaktion der amerikanischen Regierung hat der Wahrheit zur Wahrheit verholfen, weil diese als bekämpfenswert betrachtet wurde. Genauso erhält die Fake-News Aufmerksamkeit, weil sie als bekämpfenswert betrachtet wird.

Innerhalb der Logik der Akteure zeigt sich freilich ein anderes Bild. Die Wirkung dieses Wettrüstens ist jedoch abhängig von der jeweiligen Position. Bei den Versuchen der Gegendarstellungen wird die Gruppe der Anhänger einer Ansicht gestärkt. Es handelt sich demnach um eine Maßnahme die Zugehörigen der eigenen Ansichten zu bestärken, die Verunsicherung durch die Anschuldigung zu neutralisieren. Die Gegenseite wird man so nicht überzeugen, da die Anschuldigung in Form der Fake-News schon auf die Prämisse der Kommunikation verweist: Delegitimation von Gegenpositionen und nicht Austausch von Argumenten.

Das Schauspiel das getrieben wird ist für solche, die noch nicht endgültig entschieden sind, auf welcher Seite sie stehen wollen, jedoch nochmals ein anderes, als es für die kontrahierenden Parteien ist. Leider, so ist die Vermutung, schneiden die Produzenten von Fake-News in diesem Werben um das Publikum sehr häufig besser ab, als man es hoffen würde. Das liegt auch daran, dass die Gegenseite der Fake-News, die Allianz der wissenschaftlichen Vernunft, das Spiel nicht versteht, das gespielt wird. Wahrheiten werden auch dadurch aufgelöst, indem jeder Quatsch zum prüfwürdigen Gegenstand erhoben wird. Ein Ritterschlag für jeden Fake-News Produzenten. Gleichwohl kann ein Faktencheck wieder als Grundlage weiterer Fake-News verwendet werden. Im besten Fall werden durch diese Spirale nur Produktivkräfte gebunden, die dazu genutzt werden könnten echte Probleme zu lösen. Im schlimmsten Fall schaukelt sich die Dynamik so auf, dass gar kein Interesse mehr daran besteht Probleme zu lösen, weil jeder Versuch sich bereits an der Gegenrede erstickt.

Ist die Diskursethik anfällig für Saboteure, die sich gar nicht innerhalb der Regeln bewegen wollen? Dieses Problem scheint anhand parasozialer Medien jedenfalls verstärkt gegeben. Die Logik der Auseinandersetzung im öffentlichen Raum folgt, auch durch die Logik der parasozialen Medien, nicht dem Gebot des besten Arguments. Die Grundlage dafür mit Fakten zu überzeugen ist, dass diese Prämisse von allen geteilt wird. Und noch weiter: Dass die Prämissen der Erzeugung von Fakten allen bekannt und anerkannt sind. Trennen sich innerhalb eines Diskurses hier die Ansichten, dann hat es keinen Zweck immer wieder auf wissenschaftliche Verfahren, oder rationale Argumente zu verweisen. Demnach findet die Auseinandersetzung die sich im Begriff der Fake-News fassen lässt in zwei verschiedenen Diskurslogiken statt. Die der Aufmerksamkeit und die der Wahrheit. Die medialen Voraussetzungen gegenwärtig spielen der Strategie, die auf Aufmerksamkeit zielt in die Karten.

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  1. Definitionsversuch: Unter Fake-News soll hier eine Diskreditierungsstrategie verstanden werden, die darauf zielt anderen Einschätzungen, Überzeugungen oder Meinungen die Legitimation zu entziehen, aufgrund der Behauptung, die Fakten auf die sich sich stützen falsch sind.
  2. Siehe etwa die Kunstgriffe 32 und 28 in: Schopenhauer, Arthur (2009): Die Kunst, Recht zu behalten. Hamburg: Nikol.
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