Breaking the Social Media Prism

Breaking the Social Media Prism. How to Make Our Platforms Less Polarizing

Das Prisma der sozialen Medien begünstigt die statussüchtigen Extremisten, lässt die Gemäßigten verstummen, die meinen, dass eine Diskussion in den sozialen Medien wenig nützt, und hinterlässt bei den meisten von uns ein tiefes Misstrauen gegenüber denjenigen, die auf der anderen Seite stehen und sogar gegenüber dem Ausmaß der Polarisierung selbst. (10)1

Soziale Medien funktionieren wie ein Prisma. Sie zeigen uns ein Zerrbild anderer Menschen und tragen so zur politischen Polarisierung bei. So die These, die Chris Bail in seinem Buch Breaking the Social Media Prism. How to Make Our Platforms Less Polarizing vertritt.

Chris Bail ist Professor für Soziologie und öffentliche Politik an der Duke University, wo er das Polarization Lab leitet. Er untersucht politische Lagerbildung, Extremismus und Sozialpsychologie anhand von Daten aus sozialen Medien und Tools aus der computergestützten Sozialwissenschaft.

Kontext & Relevanz:

Soziale Medien stehen schon seit Jahren im Fokus der Kritik. Spätestens seit dem Skandal um Cambridge Analytica und den Vorwürfen des Missbrauchs von personenbezogenen Daten zum Zwecke der politischen Werbung stehen sie auch im Zentrum der Debatte um unsere politische Kultur.

Gerade von vormals führenden Personen aus der Tech-Branche werden soziale Medien mittlerweile kritisiert. Enttäuscht wenden sie sich reihenweise von ihrer eigenen Schöpfung ab, da diese das politische Klima vergiften. Angeblich beeinflussen Algorithmen das Verhalten von Menschen und tragen so zur politischen Spaltung bei. Bail schließt sich dieser Kritik zwar an, hält ihre Begründung jedoch für unzutreffend. Im Gegenzug bietet er eine wissenschaftlich fundierte Analyse, die darlegt, warum soziale Medien zur politischen Lagerbildung beitragen und wie diese überwunden werden kann.

Ziel und These

In Breaking the Social Media Prism zeichnet Chris Bail ein anderes Bild der sozialen Medien. Zwar tragen sie zur politischen Lagerbildung bei, was vor allem in den USA ein zunehmendes Problem darstellt, jedoch sieht er die Ursache dafür im Verhalten der Nutzer. Er will damit den Tech-Unternehmen das Heft der Handlung aus der Hand nehmen und zeigen, dass Nutzer jetzt etwas unternehmen können, um die negativen Auswirkungen sozialer Medien auf das politische Klima zu begrenzen, ohne gleich ihren Account zu löschen.

Zusammenfassung

Das Buch ist in drei Abschnitte unterteilt:

  1. Echokammern und warum sie nicht der Grund für die politische Polarisierung sind.
  2. Wie soziale Medien zur Polarisierung beitragen.
  3. Wie gegen die Polarisierung durch soziale Medien vorgegangen werden kann.

Zuerst nimmt sich Bail der gängigen Diagnose an, dass Echokammern Grund der politischen Polarisierung seien. Belegt wird dies anhand eines Versuches, bei dem Menschen bewusst Informationen der Gegenseite zugespielt wurden, um so die Polarisierung zu reduzieren. Dies führt jedoch zu einer stärkeren Polarisierung.

Dass soziale Medien die politische Polarisierung befördern, liegt jedoch daran, dass sie die Eigen- und Fremdwahrnehmung verzerren. So wird die politische Identität zur Extremisierung getrieben. Moderate Positionen werden dagegen aus der Debatte gedrängt.

Auf der Grundlage seiner Studien bietet er zwei Lösungsansätze: einen kurzfristigen Bottom-up-Ansatz und einen langfristigen Top-down-Ansatz. Der erste beinhaltet konkrete Vorschläge zum Verhalten auf sozialen Medien. Der Zweite stellt ein Pilotprojekt einer neuen Plattform vor, die Menschen so miteinander in Austausch setzt, dass die Polarisierung reduziert werden kann.

Echokammern debunked

Was ist eine Echokammer? Die Idee der Echokammer in sozialen Medien geht auf Eli Pariser zurück. Er entwickelt die Idee, dass es in der öffentlichen Onlinekommunikation unterschiedliche Räume gibt, die voneinander abgegrenzt sind. Jeder Kommunikationsraum gestaltet sich nach den Einstellungen und Meinungen, da man tendenziell Informationen sucht, die der eigenen Meinung entsprechen oder diese bestätigen. Daher begegnen sich Menschen mit unterschiedlichen Ansichten online sehr selten und man bewegt sich in einem Raum der Gleichgesinnten. Dadurch verlieren wir den Blick für die Realität.

Diese Beobachtung ist eine gängige Erklärung für die wachsende Polarisierung, die wir zwischen verschiedenen politischen Ansichten beobachten können (vor allem in den USA) (6). Diese Schlussfolgerung beruht auf der Idee der rationalen Deliberation. Daraus geht ein Öffentlichkeitsverständnis vor, das dem eines Markts der Ideen entspricht. Das bedeutet – sehr verkürzt dargestellt – wenn wir alle vorhandenen Ideen in eine gemeinsame Debatte einbringen und dann gegeneinander abwägen, erhält jeder Einsicht in die Beweggründe des anderen und es ergibt sich ein für alle tragbarer Kompromiss. Soziale Medien wurden deshalb zuerst als riesiger und freier Marktplatz der Ideen gefeiert.

Die Annahme, dass durch Massenmedien ein stärkerer Austausch der Ideen stattfindet, der automatisch zu einer besseren Gesellschaft führt, ist jedoch nicht eingetreten. Bereits zu Beginn des Zeitalters der Massenmedien haben sich gegenteilige Tendenzen gezeigt. Durch die sozialen Medien wurden diese noch weiter verstärkt (47). Heute scheint die Idee naiv, dass das Verbinden so vieler Menschen wie möglich automatisch zu einer besseren Gesellschaft beiträgt (45).

Politische Identät

Die Erklärung von Bail beruht auf der politischen Identität. Diese leitet unsere Meinung mehr als rationale Argumente (46).  Sie beeinflusst ebenso die Bereitschaft, sich in andere einzufühlen und sich mit ihnen in nicht-politischen Bereichen einzulassen. Die politische Identität bestimmt demnach, wie wir die Welt um uns wahrnehmen (47).

Soziale Medien sind ein wichtiges Tool, um unsere Identität auszubilden, also herauszufinden, wo der eigene Platz in der Gesellschaft ist. Dies geschieht online wie offline, indem wir verschiedene Varianten unseres Selbst präsentieren und dem Feedback unserer Umwelt anpassen. Jedoch ist das soziale Feedback, das wir durch soziale Medien bekommen, stark verzerrt. Politisch extremes Verhalten wird durch sie befördert und moderate Stimmen stummgeschalten. Wenn wir aus unserer Filterblase ausbrechen, sehen wir deshalb die Extrempositionen der Gegenseite, was unsere Identität angreift und zu einer Abwehrreakation führt, unsere Meinung eher festigt. Wir werden selbst in eine immer extremere Richtung getrieben.

Für Bail ist dies der Grund, weshalb soziale Medien zur politischen Spaltung beitragen: Extremisten werden durch die Funktionsweise angezogen. Sie werden von den Plattformen mit Status belohnt und erhalten so positives Feedback für ihre extreme Identität. Anhand vieler detaillierter Fallbeispiele von Onlineextremisten, die sowohl in ihrer Online- als auch in ihrer Offlinewelt beobachtet werden, wird dargelegt, wie unsere Wahrnehmung der sozialen Welt durch soziale Medien systematisch verzerrt wird.

Ob diese Radikalisierungsanreize wirklich zur Radikalisierung führen, hängt jedoch stark von Faktoren aus der Offlinewelt ab. Eine Stärke von Bails Buch ist es, dass er Beobachtungen aus Online- und Offlinewelt kombiniert. So kommt er zu dem Ergebnis, dass die Extremisten – oder auch Trolle – ihren sozialen Status großteils aus dem extremen Verhalten auf sozialen Medien beziehen. Im echten Leben sind diese jedoch meist einsam, marginalisiert und machtlos (66). Social Media gibt Extremisten ein Gefühl von Sinnhaftigkeit, Gemeinschaft und Selbstwert (67).

Menschen, die in ihrer Offline-Welt in ein gesundes Umfeld aus Familie, Beruf und Freunden eingebettet sind, schlagen dagegen einen anderen Pfad ein. Sie reagieren auf die extremen politischen Meinungen, indem sie sich mit politischen Äußerungen zurückhalten (81 f.). Dies hat vor allem zwei Gründe. Erstens können politische Äußerungen direkte Auswirkungen auf das Alltagsleben haben. So können Freundschaften, der Beruf oder das Familienleben darunter leiden (77). Zweitens werden moderate Positionen auf sozialen Medien am stärksten angegriffen. Da man so zwischen den Fronten steht erntet man Krtik von den Extremisten aller Seiten (74).

Soziale Medien erzeugen demnach eine Feedbackschleife, welche die Radikalisierung verstärkt.

    1. Extremismus wird normalisiert. Sie interagieren nur noch mit anderen Extremisten und denken, dass ihre extreme Einstellung normal sei.
    2. Die andere Seite erscheint extremer. Die Auseinandersetzungen finden häufig nur zwischen den extremen Anhängern einer Position statt.

Die eigenen Positionen scheinen vernünftig, die der Gegner aber immer extremer (67).

Was tun?

Für Chris Bail ist der Rückzug aus den sozialen Medien kein praktikabler weg. Diese sind bereits ein zu großer Teil des Alltagslebens, gerade für die jüngeren Generationen. So sind soziale Medien eine wichtige Quelle für Nachrichten geworden. Ihre Abschaffung würde eine fundamentale Reorganisation unseres Soziallebens erfordern und ist daher unrealistisch.

Neu Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass einige Befürchtungen unbegründet sind. Künstliche Intelligenz ist weitaus schlechter darin, Verhalten vorherzusagen als weithin angenommen (97). Fake News Kampagnen zur Manipulation von Wahlen durch ausländische Akteure erreichen nur einen sehr kleinen Teil der Nutzer und haben daher nur einen minimalen Effekt (95). Ebenso verhält es sich mit Microtargeting und Kampagnen in den Massenmedien. Der überschätzte Filterblaseneffekt tritt nur bei einer kleinen Anzahl von Extremisten ein, wobei nicht sicher ist, was hier Ursache und was Wirkung ist. Es lässt sich sogar nachweisen, dass Nutzer von sozialen Medien mehr abweichenden Meinungen ausgesetzt sind als Nicht-Nutzer (96).

Zur Lösung des Problems der zunehmenden Polarisierung durch soziale Medien schlägt Chris Bail zwei Wege vor. Einen, der schnelle Abhilfe für die größten Probleme schaffen soll und einen, der das Problem langfristig lösen soll.

Den Umgang auf sozialen Medien verändern

Die kurzfristige Strategie besteht darin, Verständnis für die verzerrende Wirkung sozialer Medien zu schaffen und so das Verhalten der Nutzer zu verändern. Damit sind die moderaten Nutzer angesprochen, die sich bisher weitgehend aus der politischen Debatte auf sozialen Medien heraushalten. Diese sollen verstehen, dass man durch Statements auf sozialen Medien immer nur kleine Ausschnitte einer Person wahrnimmt (103 f.). Daher sollte man sich gezielt auf die Suche nach mehr Informationen machen, um einen realistischeren Blick zu bekommen. Personen und Positionen erscheinen so weniger radikal. Gleichzeitig soll aber auch die eigene Kommunikation angepasst werden, da die Fremdwahrnehmung auch nur eine verzerrte Perspektive auf die moderate Position zulässt (104 ff.).

Moderate müssen sich in Debatte einmischen, allerdings nicht um zu „gewinnen“ sondern, um zu überreden und mit der anderen Seite in Austausch zu treten (106 f.). Dazu müssen sie Lernen, in der Sprache der anderen zu sprechen (110). Der anderen Seite zuhören ist der wichtigste und erste Schritt, um Argumente so vorbringen, dass sie so klingen, als würden sie von der anderen Seite formuliert (110f.). Nur wenn auf die Bedürfnisse und Wünsche der anderen Seite eingegangen wird, kann es zu einer Annäherung kommen.

Dieser Bottom-up-Ansatz ist eine Netiquette, mit der die Mehrheit der moderaten Nutzer den Extremisten die Deutungshoheit auf sozialen Medien entziehen können sollen.

Eine neue Plattform für politischen Austausch

Um eine langfristige Lösung für das Problem der politischen Polarisierung zu finden, schlägt Bail ein neues Plattformdesign vor. In einem Pilotprojekt hat er die Plattform DiscussIt entwickelt und getestet. Hier werden zwei Nutzer mit unterschiedlichen politischen Ansichten miteinander gematcht, um sich über ein Thema auszutauschen (122 f).

In diesem anonymen Raum scheint die Verständigung deutlich besser zu funktionieren, da es keine Statuszuweisung gibt, die extremes Verhalten begünstigt. Die Idee ist es, die Statuszuweisung daran zu knüpfen, politische Differenzen zu überwinden und auf mehreren Seiten Zustimmung zu finden (129).

 

Soziale Medien im Dienste der Gesellschaft

In Breaking the Social Media Prism zeigt Chris Bail, wie soziale Medien in den Dienst der Gesellschaft gestellt werden können. Lange Zeit war der Konsens in der Debatte, dass die Nutzer der sozialen Medien der Architektur und damit der Manipulation der großen Internetunternehmen ausgeliefert sind. Bail spielt den Ball zurück in Handlungsbereich der Nutzer. Nicht die Plattformen bestimmen, welche Wirkung sie haben, sondern wir können Strategien im Umgang mit ihnen entwickeln, die dazu führen, dass soziale Medien in unserem Sinne funktionieren und dabei helfen, die politische Lagerbildung zu reduzieren. Die Vorschläge sind von einer Vielzahl wissenschaftlicher Erkenntnisse unterstützt, auch von seiner eigenen Forschung.

 

Weiterführende Links:

Podcastfolge mit Chris Bail zu diesem Buch.

Website des Polarization Lab mit Troll-o-meter.

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Sortiermaschinen. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert – Steffen Mau

Sortiermaschinen. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert – Steffen Mau

„Weil es Globalisierung gibt, gewinnen Grenzen an Bedeutung, werden skuzessive aufgewertet und als Sortiermaschinen gebraucht.“(16) 1

In seinem Werk Sortiermaschinen. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert  verweist Steffen Mau, auf einen lange unbeachteten Aspekt der Globalisierung: die Zunahme von Mobilitätshindernissen in Form von Grenzen. Mau ist einer der renomiertesten Forscher und zählt zugleich zu den öffentlichkeitswirksamsten Soziologen und Gegenwartsdiagnostikern Deutschlands. Als Professor für Makrosoziologie forscht und lehrt er an der Humboldt-Universität zu Berlin zu Fragen der globalen Ungleichheit, für welche er 2021 mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis ausgezeichnet wurde.  Regelmäßig wendet er sich mit Publikationen aus seinem Forschungsbereich an die interessierte Öffentlichkeit. Werke der vergangenen Jahre waren Das metrische Wir oder Lütten Klein, welche wichtige Impulse für die öffentliche Debatte lieferten.

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Der Kampf um Fakten als Selbstbeschäftigung – Wie sich die Medienlandschaft selbst verunsichert

Die Faktenfrage als Bezugspunk

Kaum ein Phänomen hat durch die Zunahme der digitalen Kommunikation so an Relevanz gewonnen wie das der Fake News.1 Daran zeigt sich in erster Linie, dass die Faktizität als primäres Legitimationsargument Hochkonjunktur hat: Der Verweis auf Fakten ist obligatorisch. Gleichzeitig wird der Kampf um das, was Fakt ist erbittert geführt. Jeder der eine Position vertritt muss versichern, dass die Fakten auf seiner Seite sind. Damit ist es zur Strategie geworden die Legitimität und Glaubwürdigkeit politischer Gegner durch die Behauptung falscher Fakten anzuzweifeln. Weiterlesen

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Facebook als Teil von jener Kraft, die stets die Einheit will und stets nur Zwiespalt schafft?

Die von Facebook angestrebte Einheit

Facebook verbindet die Welt und löst damit gleichzeitig den gesellschaftlichen Zusammenhalt auf. Zu dieser paradoxen Beschreibung kommt Siva Vaidhyanathan in seinem Buch Anti-Social Media1. Gerade im Kern der Widersprüche zeigen sich jedoch meist die entscheidenden Vorgänge eines Prozesses. Warum trägt die selbst auferlegte Mission die Welt näher zusammen zu bringen, dazu bei, Gesellschaft zu spalten und Vertrauen in etablierte Institutionen aufzulösen? Weiterlesen

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#Umweltsau: in der Arena der Öffentlichkeit

Umweltsau

Was sich zwischen den Jahren unter dem Schlagwort „Umweltsau“ abgespielt hat, ist in Paradebeispiel dafür, wie parasoziale Medien auf journalistische Medien einwirken. Hervorzuheben sind dabei zwei Aspekte: Zum einen die Geschwindigkeit der Abläufe, die auf der Persistenz der Inhalte basiert. Zum anderen die kalkulierte Reaktion-Gegenreaktion-Dynamik, welche scheinbar resistent gegen Argumente ist und nur das Erzeugen von Opferrollen bewirkt. Weiterlesen

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Formen des Widerstands – Basis der Demokratisierung der Datafizierung

Formen des Widerstands

Die technikdeterministische Herangehensweise wirkt wie eine Blockade - also ein zu hoher Widerstand - im Schaltkreis der Selbstbestimmung der Gesellschaft. Der zivilgesellschaftliche Widerstand hat jedoch das Potenzial Aggregatszustände zu verwandeln und den Fluss der Digitalisierung produktiv zu steuern. Damit Widerstand zur fruchtbaren Kritik wird darf er demnach nicht völlig blockieren.Kritik an der Datafizierung, erscheint häufig als Prognose des Verlusts, die auf eine glorifizierte Vergangenheit verweist, oder als Dystopie, die dem naiven Technikdeterminismus verfallen ist1. Den Zukunftsbildern liegt oft so wenig Positives inne, dass man zu dem Schluss kommt: Besser die Uhr zurückdrehen und weg mit der digitalen Gefahr. Weiterlesen

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Solidarität der Unwissenden – Grenzen der Vernunft?

Solidarität der Unwissenden

Wer möchte schon in einen Topf mit vielen anderen (womöglich schlechteren) Risikoträgern geworfen werden, wenn er mit individualisierten Tarifen besser abschneidet?                                                                                                              (Mau 2017 S. 272) 1

Eine positive Vision der Solidarität in einer quantifizierten Welt sollte dahin gehen, dass die Unterschiede, die sichtbar werden, unter der Perspektive der Solidarität betrachtet werden können.

Diese Frage stellt Steffen Mau, wenn er über Kollektive der Ungleichen in seinem Buch Das metrische Wir schreibt. Im Vorlauf beschreibt er eine Welt, die durch die zunehmende Quantifizierung immer mehr die Unterschiede zwischen Individuen präsentiert bekommt und dadurch von einer zunehmenden Auflösung des Zugehörigkeitsgefühls betroffen ist. Er formuliert so das Argument, dass Quantifizierung die Grundlage der Solidarität zerstört. Dieser Argumentationszusammenhang ist jedoch zu unpräzise gefasst und lässt wegen des absoluten Anspruchs keinen Raum für die Potenziale der Quantifizierung. Weiterlesen

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Digitalisierung by Default: Rationalität gegen Verantwortung?

Digitalisierung by Default

Digitalisierung, Soziologie

Der im soziologischen Neoinstitutionalismus verwendete Begriff des Rationalitätsmythos verweist darauf, dass Organisationen ihre Verfahren als möglichst rational darstellen. Die Zielvorgabe der Rationalität von Verfahren wird dabei aus der Erwartung der Umwelt – einfach gesprochen: der Gesellschaft – gegenüber Organisationen abgeleitet. Die Gesellschaft hat die Erwartung, dass Entscheidungen in Organisationen rational getroffen werden und darum präsentieren Organisationen ihre Entscheidungsabläufe bzw. Verfahren so, dass der Eindruck entsteht, diese wären rational. Diese s Image der Entscheidungsfindung sagt demnach nicht viel darüber aus, ob Entscheidungen wirklich so getroffen werden, sondern vorerst nur über die Erwartungshaltung der Gesellschaft und der daran orientierten Reaktion der Organisationen. Auf dieser Grundlage erlangen Organisationen Legitimität, so die These [1]. Weiterlesen

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Die Unvermeidlichkeitsrethorik der Datafizierung

Datenerzeugung als latente Funktion

Die Prämisse des digitalen Kapitalismus: Daten existieren und können verwertet werden, um Gewinn zu machen. Ohne diese Selbstverständlichkeit der Datafizierung würden viele Geschäftsmodelle im digitalen Raum ihre Existenzgrundlage verlieren. Gerechtfertigt wird diese Überzeugung meistens mit einem simplen Narrativ: Der Kunde überlässt seine Daten und erhält dafür einen Mehrwert, meist in Form einer Plattform. Vieles von dem, was im Internet funktioniert, hat demnach nur entstehen können, weil im Hintergrund digitale Spuren konserviert und in ökonomisch verwertbare Vorhersagen verwandelt werden. Wirklich funktionsfähig ist diese Prämisse jedoch nur, weil sie im Hintergrund existiert und so für die Konsumentenseite nicht zur Verhandlung steht. Weiterlesen

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Anthropomorphisierung von Algorithmen und reale Konsequenzen

Anthropomorphisierung: Der Ball rollt. Das Auto fährt. Der Algorithmus berechnet.

Selbstverständlich gibt keinen Grund dafür Algorithmen als Akteure der Datafizierung zu beschreiben. Trotzdem scheint der Verweis auf menschliches Handeln weit weniger klar, als bei einem Auto oder Ball. Das mag mehrere Gründe haben. So ist es in unserer Vorstellungswelt bereits angelegt, dass Maschinen – allen voran Computer – Bewusstsein zugeschrieben werden kann. Die Begriffe künstliche Intelligenz, autonomes Fahren oder Maschinenlernen erzwingen solche Assoziationen geradezu. Die Idee einer von Menschen erschaffenen Maschine, die über eine dem Menschen gleich Form von Intelligenz verfügt, finden sich früh, sowohl in der Wissenschaft (Julien Offray de La Mettrie: L’Homme-Machine 1748), als auch in der frühen Science-Fiction (Mary Shelley: Frankenstein 1818). Viele Technikbegeisterte waren von dieser Idee fasziniert, wodurch sie ihren Teil zum technischen Fortschritt beitrug und dies immer noch tut. Weiterlesen

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